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Interview mit Bernd Rausch, Stadtzeitung Saarbrücken
und den Conrath-Brothers
.

Frage: Captain Sperrmüll war die einzige saarländische Politrockband in jenen wilden Jahren. In den siebziger wart ihr im Kanon von TSS, Ceckpoint Charly, Withüser Westrüpp und ihre Kinder. Was war eure Intention?

Didi: Auf der einen Seite wollten wir was verändern - auf der anderen Seite wollten wir natürlich Spaß haben. Politisch arbeiten und etwas bewirken, ohne in endlosen Sitzungen sich das Gehirn aus dem Kopf zu labern. Musik machen, in der Gegend 'rumtouren und Leute treffen. Das war etwas ganz Wichtiges. Zum Teil waren wir mit 20 Leuten unterwegs. Und mit der Zeit wurden wir zum festen Bestandteil der undogmatischen Linken im Saarland und zum Teil auch im Reich.

Martin: Die Intention war bei den einzelnen ganz unterschiedlich. Für mich war zusammen Leben und auf Tour sein der Antriebsmotor. Was ich im Elternhaus vermisst hatte, wollte ich mir jetzt selber aufbauen: Eine Gemeinschaft, die zueinander hält: Einer für alle, alle für einen. Ideale verwirklichen, die für andere unwichtig waren. Nicht mit Worten überreden, sondern zeigen: Es geht, wenn man nur will. Die Geschichte lehrt uns: Der Wille war stark, das Fleisch aber schwach. Die Kommune Captain Sperrmüll ist für mich nicht gescheitert, denn sie war ein Stück unbezahlbare Lebenserfahrung; aber die Kommune konnte so auch keinen Bestand haben.

Frage: Eure Texte waren kompromisslos direkt. Die Aussagen waren unzweideutig und stellten einen Bruch zum damaligen deutschen Liedgut dar. Welchen Song findest du den gelungensten?

Didi: Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Auf der politischen Seite ist es vielleicht das Brokdorflied, in dem ich einen Super-GAU im AKW Brokdorf beschreibe. Und dieses Szenario findet dann in makabrer Weise in Tschernobyl seine Verwirklichung.
Einen Song, den ich heute noch sehr mag und all die Jahre auch mit anderen Bands gespielt habe ist „Das isses“. Vordergründig geht es hier um Drogenverherrlichung, aber für mich hat das viel mit Lebensgefühl zu tun und mit Ablehnung von alten, verkrusteten Gesellschaftstrukturen. Es ist ein Song für das freie Leben und gegen diese Bigotterie, die auf der einen Seite das Suchtmittel Alkohol erlaubt, ja sogar fördert und auf der anderen Seite das weitaus harmlosere Haschisch verteufelt. Obwohl ich mittlerweile von allen Suchtstoffen abstinent lebe, finde ich es unerträglich, dass man von alkoholkranken Richtern und Politkern verboten bekommt, seinen Joint zu rauchen.

Martin: Ob unsere Texte einen Bruch des damaligen „deutschen Liedgutes“ waren sei dahingestellt. Wichtig war uns allerdings, dass wir verstanden wurden. Dass unsere „Message“ auch ankommt. Deshalb: Das „Family-Lied“ ist für mich der Song, der unsere Wünsche, unseren Traum und unsere Defizite am besten zeigt. Das „Family-Lied“ ist kitschig, schmalzig und wir haben diesen Anspruch nie geschafft. Aber: Dieses Lied war und ist voller Emotionen. Voll von den Emotionen, mit denen wir damals die Welt betrachteten und beurteilten. Und Hand auf's Herz: Ein wenig träumen wird man wohl noch dürfen?

Frage: Findest du, dass eure Musik heute noch Gültigkeit besitzt, bzw. denkst du, dass die Sachen, die ihr damals gemacht habt, heute noch etwas bewirken oder Einfluss haben?

Didi: Dass ich das finde, ist mit ein Grund dafür, dass wir am 15.11. Wieder auf die Bühne gehen . Ich habe eine lange Zeit ein gespaltenes Verhältnis zu den Sachen gehabt, die wir damals gemacht haben und wollte eigentlich nichts mehr davon wissen. Aber Adrian, mein Sohn, hat mir die Sachen wieder näher gebracht. Es gibt - und das freut mich natürlich sehr - mittlerweile eine Szene von jungen Leuten, die sich die Sperrmüll Sachen anhören. Es gibt sogar schon Bands, die unsere Sachen covern. Adrian hat zu mir gesagt: „Jetzt nörgel' doch nicht immer an den Sachen 'rum. Die Songs, die ihr damals gemacht habt sind wirklich gut, du müsstest sie nur mal richtig spielen!“

Martin: ... das versuchen wir dann im „Hellmut“. Auf jeden Fall haben die Songs von Captain Sperrmüll heute Gültigkeit. Wenn ich auch hier und da Abstriche mache, den einen oder anderen Text nicht mehr unterstützen würde: Im Großen und Ganzen haben wir damals, wie ich eben schon sagte, die Welt emotional betrachtet und gemerkt: Da ist was faul: bei uns selbst und im Staat! Zu den Emotionen ist inzwischen das Wissen hinzugekommen. Das Ergebnis: Da ist immer noch was faul. Unsere Gesellschaft driftet in eine gefährliche Richtung: Leistung vor Menschlichkeit, Wirtschaft vor Kultur, Egoismus vor Mitgefühl, Machtstreben vor Gemeinsinn. Und wir dürfen nicht mehr Deutschland isoliert betrachten: Die „Globalisierung“ spaltet die Welt in Arme und Reiche, in Gute und Böse. Ja, unsere Songs haben Gültigkeit. Und sie wirken dort, wo sie gehört oder gespielt werden - allerdings weiß ich natürlich nicht wie.

Frage: Von 79 bis 84 war die Hochzeit von Captain Sperrmüll. Mehr als 400 Gigs habt ihr in diesen Jahren in der Republik gespielt. Denkt ihr mit Wehmut zurück?

Didi: Der Mensch hat den Hang, die Dinge im Nachhinein zu glorifizieren. Es gab natürlich viele schöne Momente in der Zeit aber auch einen Haufen Scheiße. Eiskalte, zugige Dachböden, auf denen wir übernachten mussten, oder Gigs mit nur 10 Besuchern, oder wir mussten das Inventar irgendwo mitnehmen, weil der Veranstalter mit der Kohle abgehauen war, bis hin zum Tourkoller, dass du die anderen nicht mehr sehen kannst. Da entstand so ein kleines Nebenuniversum durch die Band. Ich möchte keine Sekunde missen, aber ich wollte es auch nicht noch einmal so erleben.

Martin: Wehmut. Das ist der richtige Begriff: Die Trauer, dass wir manche Chance verpasst haben. Dass wir uns und anderen weh getan haben. Dass wir Manches in der falschen Reihenfolge getan haben. Und der Mut: Dass wir damals unseren Weg gegangen sind und - verdammt nochmal - super Zeiten „on the Road“erlebt haben, wie ich sie seither nicht mehr erlebt habe - mit allen Höhen und Tiefen und - natürlich - nicht alles wert, es zu wiederholen. Dass wir weitergekommen sind und unsere Wurzeln nicht vertrocknet sind. Dass wir jetzt wieder auf die Bühne gehen und eines nicht verloren haben: Die Lust an der Musik, denn „Wir sind wild und unersättlich ...“

Frage: Was ist aus den Musikern von Captain Sperrmüll geworden?

Didi: Vom Rentner bis zur Chefdolmetscherin im Europaparlament in Brüssel ist so ziemlich alles vertreten. Die wenigsten haben ihre Brötchen weiter mit Musik verdient nach der Trennung der Band. Aber was die Leute im einzelnen machen, würde hier den Rahmen sprengen, es waren immerhin in fünf Jahren 40 Musiker. Da könntest du 'ne Sondernummer machen.

Martin: ... und wegen der political Correctness: 40 Musiker und Musikerinnen.

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